Die Fußgängerzone im Detail

Wenn ich so durch Berlin laufe und eben nicht radle oder mit der Bahn fahre, dann zeigen sich mir höchst amüsante Personen und Ereignisse in bunter Mixtur. Das ist wenig erstaunlich, ist unsere Stadt doch ein Potpourri aus allen möglichen Kulturen und Ansichten und dabei meine ich jetzt nicht die schnaufenden Schleiereulen, die mit Porree im Beutel durch Kreuzberg wackeln. Ich meine auch nicht all die im Stil eines lebenslang verordneten Pucci Kostüm tätowierten Selbstdarsteller mit Ringen im Ohr, denn deren Attitüde ist bekannt eintönig und wenig spannend, auch wie diese Leute das sicher anders sehen. Nein, ich meine vielmehr die in der Fußgängerzone lustig und stolz, natürlich, tippelnde Russin im Chanel – Kostüm, ich meine die krakeelenden Betrunkenen und all die Musiker und Bettler, die in Kombination mit der Russin und ähnlichem den besonderen Mix Berlins ausmachen.

Laufsteg oder Wohnzimmer?

Mancher verwechselt die Straße und den Fußweg mit einem Laufsteg und das finde ich gut. Nirgendwo sonst in Deutschland finden sich modische Eitelkeit so sehr wie in Berlin und das bezieht sich nicht nur auf die wohlhabenden Angeber, sondern zugleich auf betont lumpig daherkommende Veganer. Jeder hält sich für etwas Besonderes und kleidet sich, jeder meint, die Stadt gehöre ihm / ihr allein. Das ist ein ausgezeichneter Film, den ich jeden Tag zu sehen bekomme! Da gibt es zum Beispiel die ältere Dame mit reichlich Bling Bling, die von Sonnenbrille und Make Up geschützt, unfassbar lässig und verachtend eine Zigarette raucht – filterlos, versteht sich.

Es gibt den bemühten Trotzkisten mit der roten Fahne, der immer noch glaubt, die Menschen würden diese Art zu leben wirklich wünschen und es gibt viele weitere, die für Aufsehen sorgen könnten, wenn denn jemand hinschaut. Details freilich sind des Homo Postmodernicus größte Schwächen und so braucht es das verträumte Auge des Beobachters, um hier die Fußgängerzone auszuleuchten. Ach, Berlin, wie wimmeln deine Straßen! Besonders interessant finde ich die Begegnung zwischen Straßenmusikanten, also Bettlern, und den Leuten, die sich diese Konzerte anhören müssen. mancher gibt Geld, andere eilen achtlos weiter, doch der Musikant muss sich immer Mühe geben, sonst sieht es mit dem nächsten Schuss oder dem Abendessen mies aus. Hat eigentlich mal jemand solche Musikstücke direkt von der Straße weg aufgezeichnet? Sie sind herrlich spontan, konstruiert und zugleich bestechend einfallslos, schließlich wollen Touristen nach Möglichkeit bekannte Melodien hören.

Das Verschwinden der Öffentlichkeit

Bei all den im Freien vorgebrachten Heimeligkeit und den Auftritten der Figuren mit ihrer persönlichen Strahlkraft sehnt sich der Beobachter allerdings auch nach Öffentlichkeit. Ich kann hier nicht ausführen, was das eigentlich seyn soll, doch bleibt der Begriff als Bezug des gemeinsam genutzten Raumes, und dafür ist die Fußgängerzone ein ideales Beispiel, bindend und Öffentlichkeit meint ein Begegnen im Stil im weitesten Sinne der griechischen Agora. Diese räumlich abgesteckten Gebiete innerhalb einer Stadt war Markt, Podium, soziale Kloake und brachte die Bürger der Städte und ihre Besucher zusammen.

Heute ist dieses Konzept weitgehend verschwunden und einer unverbindlichen, zufälligen und wenig hilfreichen Begegnung gewichen und daraus entwickeln sich kaum mehr öffentliche Projekte. Öffentlichkeit hat sich von der Straße ins Internet verlagert, ist mitunter global geworden und die Straßen sind heute vor allem Laufstege wie Haltepunkte für alle, denen Auskünfte im Netz einfach zu wenig sind.

Sollte Berlin mit Brandenburg fusionieren?

Wer die Geschichte kennt, der weiß um die über Jahrhunderte bestehende Zusammengehörigkeit von Brandenburg und Berlin und es erscheint grotesk, dass diese beiden Städte beziehungsweise Regionen nach der Wende überhaupt geteilt wurden. Davor waren es die Bezirke der DDR, die geschichtliche Aspekte ignorierten, doch heute fragen sich viele zu Recht, warum hier eigentlich nicht wieder zusammenkommt, was historisch immer zusammengehört? Handelt die Politik aus Absicht oder aus Unkenntnis nicht oder lehnt sich die Bevölkerung auf?

Eine absurde Teilung?

Natürlich hatte die Politik im Zuge der Wiedervereinigung viel zu tun und vielleicht nicht den richtigen Blick für die Verhältnisse in den neuen Ländern, vielleicht musste man auch ein paar Parteigranden mit Pöstchen versorgen oder hielt eine Trennung von Berlin und Brandenburg aus finanziellen Gründen für sinnvoll. Fakt ist, dass nun die Landeshauptstädte Berlin und Potsdam heißen, die früher eine unverbrüchliche Einheit darstellten und dass das Brandenburger Erbe, es gibt in Berlin da sein berühmtes Tor, wenig Beachtung findet. Ja, aber was ist denn Berlin überhaupt? Hauptstadt der BRD, sicher, Regierungssitz, Kulturmetropole und so weiter, aber sonst? Natürlich ist es Geschichte und eben speziell deutsche Historie des 20. Jahrhunderts und angesichts dieser Ereignisse verblasst die Erinnerung an die preußische Herkunft. Richtig, Berlin hat durch die Trennung von Brandenburg eine Identität als Stadt gewonnen, die es vorher nicht gab und die sich aus der jüngeren Geschichte vorzüglich konstruieren lässt. Wer durch die Metropole läuft, der ist von Vergangenheit umgeben und sieht zugleich die Achsen der Zukunft, die diese Stadt so gern als Labor und Werkstatt betrachten, unabgeschlossen, milde, kreativ.

Und Brandenburg? Ist ein solides Bundesland geworden, mit respektabler Wirtschaftskraft und ganz unterschiedlichen kulturellen Regionen. Gebiete wie der Spreewald oder die Grenzregionen zu Polen fanden zu eigenem Ausdruck und werden heute ganz selbstverständlich als Bestandteile des Brandenburgs von heute betrachtet. Warum also fusionieren? Wozu aufgeben, was bisher gut funktioniert hat und wohl es auch in Zukunft täte?

Möglichkeiten und Herausforderungen

Ein Zusammengehen brächte entscheidende Vorteile. Zum einen würde der Wegfall eines Bundeslandes natürlich schon allein administrativ Einsparungen bringen und die gemeinsame Fläche könnte effektiver genutzt werden. Brandenburger wie Berliner hätten weniger Probleme mit verschiedenen Ländergesetzen, die sich oft überschneiden und natürlich gäbe es gerade was die Fläche angeht tolle Möglichkeiten. Berlin müsste Neubauprojekte nicht mehr irgendwo reinquetschen, sondern könnte sich in das dünn besiedelte Brandenburger Umland ausbreiten und dieses Bundesland wäre bevölkerungsmäßig und wirtschaftlich eine echte Größe. Sicher täten ein paar brandenburgische Tugenden wie Zurückhaltung und Sparsamkeit den Berliner Verschwendern ganz gut.

Das Problem sind natürlich mal wieder die Schulden. Berlin bringt davon einiges mit, wohlgemerkt durch Mißwirtschaft und keinesfalls durch Hochwasser oder dergleichen und man muss Brandenburg mit seinen Bewohnern schon verstehen, wenn diese einer Vergemeinschaftung dieser Schulden ablehnend gegenüber stehen. Vielleicht hilft ja auch mal wieder der Bund? In jedem Fall wäre ein Zusammengehen sinnvoll und historisch sicher bedeutsam, zumal es solche Vorgänge bisher kaum gegeben hat.