Mopeds in Ho Chi Minh City

Mopeds SaigonHo Chi Minh City, das alte Saigon, gilt vielen Leuten als besonders ungesunde und zugleich extrem schnelle und lebendige Stadt. Das liegt freilich vor allem an den Millionen von Mopeds, die dort herumkurven und die den Eindruck einer endlosen Hetze vermitteln. Die Luft ist stickig davon, eine Dunstglocke sondergleichen hängt über der Metropole. Der Regen bringt in den Tropen erfahrungsgemäß nicht so viel Entlastung und so ist jeder Tag dort eine neue Herausforderung. Eine Lösung scheint nicht in Sicht: Seit Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten, plant man dort eine U-Bahn, wie sie in allen vergleichbaren Städten dieser Größe Standard ist. Doch der Untergrund ist viel zu weich, bedingt durch das nahegelegene Delta des Riesenstroms Mekong und die in Vietnam verbreitete Korruption tut ihr übriges. Man plant und plant und gibt sich selbstbewußt, doch die Parteischranzen geben am liebsten Geld für die Hauptstadt Hanoi aus, während Saigon jeden Tag den Verkehrsinfarkt erleidet.
Ich selbst habe dort eine Weile gelebt und die Luft und das permanente Hupkonzert gingen mir manchmal tierisch auf die Nerven! Aber dann wurde mir eben klar, dass ich mitten in einem brodelnden Entwicklungsland lebte und dass jedes Moped eine Hoffnung transportiert. Die in Asien scheinbar so wenig vorhandene Individualität – in Ho Chi Minh City ist sie vorhanden und die Leute dort erscheinen mir jedenfalls viel selbstbewußter als anderswo. In Hong Kong zum Beispiel stehen alle schweigend in der Bahn, in Singapur ebenso und die Regierung wacht mit eiserner Knute über die Einhaltung zum Teil absurder Regeln. Da muten die Mopedscharen wie Armeen der Freiheit an! Und das System ist einfach genial gestrickt: In Deutschland gibt es genaue Verkehrsregeln, an die sich alle meistens ziemlich genau halten. In Saigon hingegen gibt es auch Verkehrsregeln, an die sich alle meistens so gut wie gar nicht halten! Und trotzdem sah ich viel weniger Unfälle als in Berlin. Wie das funktioniert? Ich denke wie eine Art Seifenblasensystem: Jeder Mopedfahrer bildet eine individuelle Einheit, die auf jede andere achtet. Ampeln sind zwar nötig, um den Strom zu lenken, doch wer den Fußweg benutzen will oder die Einbahnstraße ignoriert bekommt eben keine Probleme – er muss nur auf die anderen achten und diese auf ihn! Wie sich Seifenblasen in der Regel nicht berühren wollen, so auch die Mopedfahrer von Saigon. Die Stadt wurde eher wild geplant und die Straßen sind schlicht zubetonierte ehemalige Lehmwege. Als westlicher Verkehrsteilnehmer muss man dieses System innerhalb von Sekunden kapieren, sonst kommt man einfach nicht voran! Und es ist auch ganz einfach, da in Saigon wie sonst vielleicht nirgendwo auf Selbstorganisation gesetzt wird – das ist bemerkenswert und wirkte auf mich jedenfalls irgendwie beruhigend. Ich bin mir sicher, dass Veränderungen in Vietnam auch politischer Natur niemals von dem organisierten und traditonellen Norden ausgehen werden, sondern es vielmehr der Süden sein wird, der sich nicht mehr jeden Atemzug vorschreiben lässt. Das Mopedfahren jedenfalls kann dazu eine Art Vorbereitung sein, fordert es doch jeden zum Achtgeben auf und erlaubt gerade deshalb auch einen besonders individuellen Blick auf die Welt.beinahe Saigon